Die emotionale Seite der Selbstständigkeit
Wenn Sie sich selbstständig machen wollen, denken Sie vielleicht zuerst an all die Dinge, die unbedingt erledigt werden müssen, zum Beispiel ein Gewerbe anmelden, die Buchhaltung organisieren, einen Raum einrichten und eine Website erstellen.
Doch dann kommt oft noch etwas anderes hinzu, dass sich nicht so einfach „abarbeiten“ lässt: erste Zweifel oder das Gefühl, noch nicht bereit zu sein.
Vielleicht kommen diese Zweifel bereits beim ersten Gedanken an die Selbstständigkeit auf. Oder wenn Ihre Website fertig ist und es darum geht, diese für alle sichtbar online zu stellen. Oder wenn Sie darüber nachdenken, ob Sie nicht lieber noch eine weitere Ausbildung machen sollten, bevor Sie starten.
Dabei liegt es nicht an Ihrem Wissen, denn Sie wissen genau, was zu tun wäre. Aber irgendetwas hält Sie zurück. Es fühlt sich an, als hätten Sie eine innere Bremse.
Diese Gefühle kennen viele, die sich selbstständig machen. Auch diejenigen, die es bereits sind und heute sicher und erfahren wirken. Je nach Tagesform und persönlicher Situation sind diese Gefühle mal lauter und mal leiser.
Die meisten Menschen, die den Schritt in die Selbstständigkeit gehen, haben ein Ziel: Sie wollen einfach ihre Arbeit machen. Sie wollen das, was ihnen wichtig ist, in die Welt bringen. Doch dann stellen sie fest, dass noch etwas anderes dazukommt, das sie zweifeln lässt und sie regelrecht ausbremsen kann.
Fragen tauchen auf: „Bin ich wirklich gut genug dafür?“, „Kann ich das überhaupt?“ oder „Wer bin ich, dass ich das anbiete?“. Dazu kommt das Thema Sichtbarkeit: Sich zeigen, sich positionieren, über sich selbst und die eigene Arbeit sprechen und möglicherweise ein „Nein“ des Kunden zu bekommen.
Das ist ungewohnt und macht manchmal auch Angst.
Warum Kopf & Bauch so eine große Rolle spielen
Selbstständigkeit ist nicht nur ein organisatorisches Thema. Sie berührt, wie Sie über sich denken, was Sie sich zutrauen und ob Sie sich wirklich gut genug fühlen, um dafür Geld zu nehmen.
Wenn Sie sich selbstständig machen, werden Sie mit Ihrem Namen, Ihrem Angebot und Ihrer Persönlichkeit nach außen sichtbar. Sie zeigen sich von einer Seite, die ungewohnt ist und die vielleicht nicht jeder aus Ihrem Umfeld kennt. Ohne Unternehmen im Rücken und ohne Kolleginnen und Kollegen, die die Verantwortung mittragen, sind Sie auf sich allein gestellt.
Und weil das so ist, tauchen Fragen auf, die vorher gut versteckt waren: zu Selbstwert, Grenzen, Sichtbarkeit und der Angst vor Ablehnung. Dazu kommt manchmal noch der Vergleich mit anderen, das Gefühl, nicht mithalten zu können, und die Überforderung, wenn alles gleichzeitig auf einen einprasselt.
Das macht verletzlich und erfordert Mut.
Denn Sie zeigen nicht nur eine Leistung, sondern auch etwas von sich selbst.
Was einen Unterschied machen kann
Wenn die Zweifel groß sind, wünschen Sie sich vielleicht, sie einfach wegdenken zu können. Oder sie durch bessere Organisation in den Griff zu bekommen. Aber so funktioniert es nicht. Zweifel und Unsicherheit gehören einfach dazu.
Da wir alle unterschiedlich sind, gibt es auch keine Lösungen, die für alle funktionieren.
Nach meiner Erfahrung können aber ein Perspektivwechsel und die passende Unterstützung hilfreich sein:
Losgehen, auch wenn Sie sich noch nicht sicher fühlen
Viele, die sich selbstständig machen möchten, warten ab. Sie machen lieber noch eine Ausbildung oder wünschen sich noch etwas mehr Vorbereitung. Das heißt nicht, dass sie es nicht ernst meinen, sondern dass sie sich noch nicht sicher genug fühlen.
Aber die Sicherheit, die Sie sich wünschen, kommt nicht vor dem ersten Schritt, sondern durch ihn.
Der erste Schritt kann ganz klein sein: Die Website online stellen, auch wenn sie noch nicht perfekt ist. Den Preis zum ersten Mal nennen, auch wenn das Herz dabei klopft.
Was etwas verändert, ist nicht das zusätzliche Wissen, sondern die Erfahrung. Das erste Mal, wenn eine Kundin zu Ihnen sagt: „Das hat mir wirklich geholfen“. Oder der erste Kunde, der zufrieden ist und wiederkommt.
Und diese Erfahrungen gibt es nur, wenn Sie losgehen.
Das richtige Gespräch suchen
Manchmal hilft es einfach, auszusprechen, was Sie beschäftigt. Ohne erklären zu müssen, warum das alles so schwer ist, und ohne das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen.
Ihre Familie und Freunde wollen das Beste für Sie, können sich aber oft nicht in Ihre Situation hineinversetzen. Manchmal projizieren sie ihre eigenen Ängste auf Sie. Oft fehlt ihnen einfach die Erfahrung.
Dann hilft jemand, der selbst gegründet hat oder gerade an der gleichen Stelle steht. Jemand, der Sie versteht und bei dem Sie nicht bei null anfangen müssen. Das kann jemand aus Ihrer Ausbildungsgruppe oder aus einem Netzwerk für Selbstständige sein.
So ein Gespräch kann sehr erleichternd sein und gibt Ihnen oft einen klareren Blick und neuen Mut.
Zweifel und Unsicherheit gehören zur Selbstständigkeit dazu. Sie tauchen auf, weil Sie etwas von sich nach außen zeigen und sich damit verletzlich machen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern weil Sie nicht nur eine Leistung zeigen, sondern auch etwas von sich selbst.
Auch auf Ihrem Weg werden die Zweifel und Unsicherheiten nicht einfach verschwinden. Mal sind sie lauter, mal leiser. Es gibt keine Lösungen, die für alle funktionieren. Wichtig ist, dass Sie sich dessen bewusst werden und Ihren persönlichen Umgang damit finden.
Manchmal hilft es, wenn Sie trotz der Unsicherheit losgehen, denn Sicherheit entsteht nicht vor, sondern durch den ersten Schritt. Manchmal hilft Ihnen auch das richtige Gespräch mit jemandem, der Sie versteht und aus Erfahrung sprechen kann.
Checkliste: Kopf & Bauch
Im Unterschied zu den Checklisten in den Bereichen „Fundament“ und „Loslegen“ und wie auch schon in den Bereichen „Sichtbar werden“ und „Kunden gewinnen“ soll diese Checkliste nicht dazu dienen, einen Überblick darüber zu erhalten, ob Sie an alles gedacht und alles erledigt haben.
Sie lädt Sie vielmehr ein, zu reflektieren, was Sie auf dem Weg in die Selbstständigkeit innerlich beschäftigt.
Über diese Wegweiser-Serie
Diese Serie habe ich erstellt, um mein Wissen an einem Ort zu bündeln und weiterzugeben. Ich habe selbst viel von anderen Selbstständigen gelernt, die ihr Wissen offen geteilt haben, z. B. in Blogartikeln, Podcasts und YouTube-Videos.
Ich wollte etwas Eigenes aufbauen, das Soloselbstständigen weiterhilft, die sich in erster Linie selbst verwirklichen möchten. Denn für Selbstständige, die vor Ort mit Menschen arbeiten und im eigenen Tempo wachsen möchten, gibt es wenig passende Unterstützung.
Wenn Sie diese Serie hilfreich finden, leiten Sie den Link zur Wegweiser-Übersichtsseite gerne weiter. Zum Beispiel an Ihre Ausbildungsgruppe, andere Soloselbstständige, Ihre Ausbilder oder an alle, die in die Selbstständigkeit starten möchten und nach Orientierung suchen.